Bielefelder City Walks 2016 – Spazierengehen wird zum Begegnungsraum

 

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Mit den »Bielefelder City Walks« erschloss sich der Bielefelder Kunstverein einen urbanen Erfahrungsraum außerhalb der eigenen Ausstellungsräume. Ins Zentrum rückte der persönliche Blick auf die Stadt, wechselnde Formen des Spaziergehens und der Austausch zwischen Einheimischen und geflüchteten Menschen. In Anlehnung an die Spaziergangswissenschaft, ging es darum die Möglichkeiten des Spazierens als Methode zur Wahrnehmung und Kartierung von kulturell-sozialen Räumen in der Stadt zu erproben und diese mit einer persönlichen Erzählung zu verknüpfen. Die »Bielefelder City Walks« zeigten gerade nicht das typische oder touristische Bielefeld. Im Fokus standen vielmehr der andere Blick auf die Stadt als biografisch geprägten Lebensraum, als historischen Erinnerungsort, als lebendigen Seismographen unserer Gesellschaft. An den insgesamt zehn Stadtspaziergängen, die kostenfrei und ohne vorherige Anmeldung besucht werden konnten, beteiligten sich etwa 220 Personen unterschiedlicher Herkunft und quer durch alle Altersgruppen. Darunter waren oft auch Bewohnerinnen und Bewohner der unmittelbaren Nachbarschaft sowie interessierte Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte.

Egal ob Laie oder Experte, ob Bielefelder oder Neuankömmling, ob Zugezogener oder Rückkehrer, ob mit oder ohne Einwanderungsgeschichte. Jede/r konnte – entweder als Einzelperson oder in einem Tandem – in die Rolle einer Stadtführerin oder eines Stadtführers schlüpfen und einen Stadtspaziergang anbieten. Es ging weniger um eine rein faktenbasierte oder informative Stadtführung. Vielmehr war der Stadtspaziergang als offenes und experimentelles Format angelegt, welches das Erzählen in den Mittelpunkt stellte. Dieses Erzählen konnte durch künstlerische, musikalische, performative oder theatrale Elemente erweitert werden.

Den Auftakt des Projektes bildete ein Workshoptag mit Bertram Weisshaar im Bielefelder Kunstverein, der als Künstler und Spaziergangsforscher zum ersten Mal in Bielefeld war. Den etwa 30 interessierten Teilnehmenden wurde schnell bewusst, dass das gemeinsame Gehen oder das Spazieren-Führen ein besonderes Mittel darstellt um miteinander in Austausch zu treten – über das, was einem des Weges begegnet. Im Laufe des Tages erkundete die Gruppe gemeinsam mit Bertram Weisshaar sowohl bekannte als auch weniger bekannte Orte in der Innenstadt. Beim Gehen wurden unterschiedliche Übungen praktisch angewendet, welche eine Sensibilisierung der Wahrnehmung, eine Anregung zum Austausch oder eine Interaktion mit Passanten provozierten. Im Rahmen des Vortrags präsentierte Bertram Weisshaar sein umfangreiches Portfolio an verschiedensten Spaziergangsprojekten, die sowohl autonome Stadtspaziergänge als auch Auftragsarbeiten umfassen. Damit wurde den Teilnehmenden der Spaziergang als ein experimentelles Format vorgestellt, welches z. B. mit dem Prinzip Zufall arbeitet, präzise inszeniert werden kann, oder im Format einer moderierten Talk-Show auch diskursiv-kritisches Potential in sich trägt um eine äffentliche Diskussion mit einem Publikum anzuregen.

Den Ausgangspunkt beim ersten Bielefelder City Walk mit Raphaela Kula bildete zum Beispiel das Denkmal für Heimatvertriebene von 1953 im Bielefelder Osten. Davon ausgehend spannte sie mit gesammelten Geschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern der Siedlung „Freie Scholle“ über das Gehen, Ankommen und Bleiben einen erzählerischen Bogen bis zur Gegenwart. Aber nicht nur Bielefeld-Mitte wurde erkundet: Karin Lühmann zeigte einer Gruppe die Besonderheiten des historischen Stadtteils Schildesche und des nahegelegenen Obernsees. Stefanie Schwedes führte auf unbekannten Wegen durch den Teutoburger Wald und überraschte dort mit einer fotografischen Präsentation. Mit Susanne Albrecht wurde der Arbeitsweg der Zwangsarbeiterinnen während der NS-Zeit im Gehen und beim Nachzeichnen nachvollzogen. Ina Wemhöner stellte einer Gruppe von Interessierten besondere Konzertorte abseits des Mainstreams in Bielefeld vor.

Darüber hinaus gab es beispielsweise zwei Stadtspaziergänge, die in einem geschützten und halböffentlichen Rahmen stattfanden. So fand eine Erkundung des Stadtraumes mit einer Kleingruppe von Ehrenamtlichen und zwei Geflüchteten statt, die sich aktuell im Kirchenasyl befinden. Außerdem bereiteten eine Schülerin und ein Schüler mit Fluchterfahrung einen Rundgang durch die Lernräume des Berufskollegs Tor 6 vor, das sie als ehemalige SchülerInnen besucht hatten. Begleitet wurde die Besichtigung von der Schulleiterin des Berufskollegs Anette Seyer und der Kunstlehrerin Frau Dr. Ellen Thormann.

Die Realisierung der Zweier-Führungen hatte durch die sich abwechselnden Stimmen und Perspektiven jeweils eine ganz eigene Dynamik und erzählerische Qualität, die den Dialog und die Vielstimmigkeit für sich sprechen lässt. Einen interkulturellen Spaziergang entwickelten und wagten unter anderem Stephanie Peczynsky und Abdikarim Salah Elmi aus Somalia. Sie stellten jeweils Orte in Bielefeld mit persönlicher Bedeutung vor. Zu den Stationen gehörten verschiedene Secondhand-Läden in der Innenstadt, die Backfactory, der Kesselbrink und der Spaziergang endete mit einem geführten Rundgang durch die Moschee des Islamischen Zentrums e.V. Im November 2016 führte der Spaziergang mit Christine Ruis und Layal Kabbas auf den Friedhof Heepen. Dort wechselten sich thematisch passende Literaturrezitationen mit arabischen Liedern ab, die sowohl an das Leben als auch an den Tod erinnerten. So fungierte der Friedhof nicht nur als Bühne, sondern vielmehr als realer Ort eines interkulturellen Austausches mit den Mitteln der Kunst.

Im Rahmen des letzten und zehnten Bielefelder City Walk ergab sich eine produktive Kooperation mit der Theaterwerkstatt Bethel. Hierbei wurde ein mobiler und inklusiver Theater-Workshop an drei verschiedenen Stationen im Stadtteil Brackwede durchgeführt. Gespielt und improvisiert wurde zuerst in einer Unterkunft für Geflüchtete. Von dort aus bewegte sich die Gruppe mit knapp 40 TeilnehmerInnen in Richtung des Ausstellungsraumes lAb Artists Unlimited und improvisierte nochmals vor Ort. Der Spaziergang endete mit einem gemeinsamen Ausklang bei Tee und Gebäck im Begegnungscafé Brackwede (Bethel regional). Besonders das gemeinsame Theaterspiel und die Begegnung von ganz unterschiedlichen Menschen mit und ohne Behinderung, sowie mit und ohne Migrations- und Fluchterfahrung ereignete sich auf Augenhöhe, indem sich die Gruppe über Sprachgrenzen hinweg spielerisch und vorurteilsfrei von Mensch zu Mensch begegnete.

Die Umsetzung der »Bielefelder City Walks« war nur dank des großen Engagements und die persönliche Begeisterung der Freiwilligen möglich gewesen. Innerhalb kürzester Zeit entwickelten sie eigene Ideen für individuelle und thematisch breit aufgestellte Stadtspaziergänge. Auch Einheimische konnten mit jedem Stadtspaziergang neue Stadtteile, aber auch Unbekanntes oder Wissenswertes über Ihre Stadt erfahren. Das Potential der »Bielefelder City Walks« lag darin sich selbst überraschen zu lassen, sich auf Mikro-Erzählungen und unbekannte Perspektiven einzulassen, gewohnte Wahrnehmungsmuster und Gewohnheiten abzulegen, eingebunden in die körperliche Erfahrung des Gehens. Die gemeinsame Erkundung des Stadtraumes entwickelte unterschiedliche Formen des gegenseitigen Zeigens, Entdeckens und Lernens. Hierbei wurde deutlich, dass sich das Format auch für geschützte/private Gruppen eignet. Praktisch im Vorbeigehen wurden untereinander ganz selbstverständlich erste Gespräche geführt, aktuelle Fragen verhandelt und neue Besuchergruppen eingebunden. Die »Bielefelder City Walks« erweiterten das Programm des Bielefelder Kunstvereins in den öffentlichen Raum und sensibilisierten für städtische Fragen, sie machten vor allem ein buntes und offenes Bielefeld sichtbar! Das war für alle Beteiligten so anregend, dass eine Fortsetzung im Jahr 2017 schon in Planung ist.

Cynthia Krell

*Im Jahr 2016 wurden die Bielefelder City Walks durch die Robert Bosch Sitftung gefördert.

 

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